Wo Stradivari sein Holz holte
Der Geigenbauer Antonio Stradivari holte das Holz außergewöhnlicher Fichtenholz aus dem Val di Fiemme.
Birmensdorf, 16. April 2026. Eine Studie weist nach, dass der berühmte Geigenbauer Antonio Stradivari systematisch Holz aus den Höhenlagen der Alpenwälder, insbesondere aus dem Fleimstal (Val di Fiemme) im Südtirol in Italien, auswählte.

Dafür hat ein internationales Forschungsteam mit Beteiligung der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) 314 Jahrringreihen von 284 authentischen Geigen des berühmten Geigenbauers aus Cremona analysiert.
Die Violinen von Antonio Stradivari verdanken ihre Qualität nicht nur dem Genie des Geigenbauers, sondern auch dem mit großer Sorgfalt ausgewählten Holz: Die Fichten, die er verwendete, stammten aus hochgelegenen alpinen Wäldern, insbesondere im Val di Fiemme. Zudem zeichnete sich die Zeit, in der Bäume heranwuchsen, durch niedrige Temperaturen und kurze Vegetationsperioden aus.
Homogene Holzqualität
Es stellte sich heraus, dass der Meister aus Cremona systematisch eine besonders homogene Holzqualität auswählte, die ideal für Resonanzböden war. Die in der Zeitschrift Dendrochronologia veröffentlichte Studie ist die umfangreichste dendrochronologische Untersuchung, die jemals zum Werk des Meisters aus Cremona durchgeführt wurde.
„Viele Instrumente weisen sehr ähnliche Ringsequenzen auf. Das deutet darauf hin, dass Stradivari oft Bretter aus demselben Stamm verwendete, um verschiedene Geigen herzustellen, auch wenn sie im Abstand von mehreren Jahren produziert wurden. Dieses Verhalten scheint eine sehr sorgfältige Auswahl des Holzes widerzuspiegeln. Er wollte Materialien nutzen, die er als besonders geeignet betrachtete“, sagt Mauro Bernabei vom italienischen Consiglio nazionale delle ricerche (CNR), der Koordinator der Forschungsarbeit.
Die Analysen weisen auf die besondere Qualität der in Höhenlagen gewachsenen Fichten (Picea abies) hin, die sehr dünne und regelmässige Jahrringe besitzen. Die analysierten Jahrringe zeigen außerdem, dass die Fichten besonders langsam gewachsen sind, was nicht ihren heutigen Wachstumsbedingungen entspricht. Die Jahrringe spiegeln das Klima während des Maunder-Minimums (ca. 1645-1715 n. Chr.) wieder – eine Periode, in der die Sonnenaktivität vermindert war und eine allgemeine Abkühlung stattfand.
Ausschließlich Fichtenholz aus dem Val di Fiemme
Weiter zeigt sich eine deutliche Wende in der Arbeit Stradivaris zu Beginn des 18. Jahrhunderts: Die Holzeigenschaften seiner ältesten Geigen sind auf unterschiedliche Herkunftsorte der Bäume zurückzuführen, die nicht immer genau lokalisiert werden können. Doch dann, in der Phase seiner größten künstlerischen und technischen Reife, dem sogenannten „goldenen Zeitalter“, bezog Stradivari fast ausschließlich Fichtenholz aus dem Val di Fiemme im östlichen Trentino.

„Dank Jahrringdaten war schon bekannt, dass viele norditalienische Geigenbauer im 18. Jahrhundert Fichtenholz aus dem Fleimstal nutzten“, sagt Paolo Cherubini, Jahrringforscher an der WSL und Mitautor der Studie. „Nun konnten wir dank der Analyse von hunderten Stradivari-Geigen zeigen, dass der Meister in seiner Blütezeit fast nur noch diese Fichten verwendete.“
Die Ergebnisse verfeinern nach Angaben der Forschenden das Wissen darüber, wie Stradivari sein Material auswählte. Sie lassen auf ein sehr genaues Bewusstsein des Geigenbauers für die Eigenschaften des Holzes schließen und bestätigen die Bedeutung der Alpenwälder für die Tradition des Geigenbaus in Cremona. „Die Vertiefung der dendrochronologischen Aspekte ermöglicht es, zu klären, wie Klima, Umwelt und Entscheidungen des Geigenbauers zur Herstellung von Instrumenten beigetragen haben, die heute als unübertroffen gelten“, sagt Bernabei.
Der Text ist eine leicht redigierte Medienmitteilung des WSL. Hier das Original.
Alles über Fichten in Waldfreund.in print #3.
Fotos:
1 (Aufmacher) Das Val di Fiemme im östlichen Trentino.
2 Paolo Cherubini ist Jahrringforscher an der Eidg. Forschungsanstalt WSL. (© Mallaun Photography)
3 Eine Geige – aber keine Stradivari – im Jahrringlabor der WSL. (© Gottardo Pestalozzi)
