Wolf? Nein danke!
BUCHTIPP – Sven Herzog legt ein überzeugendes wissenschaftliches Werk über ein prominentes Raubtier vor: „Die Sache mit dem Wolf“. Wer es liest kann mitreden und mitentscheiden: Wolf? Nein danke!
Rottenburg am Neckar, 22. Januar 2026. „Wer dieses Buch über den Wolf aufmerksam gelesen hat, wird verstehen, warum keine andere Wildtierart, zumindest in Mitteleuropa, in der Lage ist, Menschen so sehr emotional zu berühren, aber auch zu polarisieren und zu ideologisieren wie der Wolf.“
Mit diesem Satz gibt der Forstwissenschaftler Sven Herzog, Professor für Wildökologie und Jagdwirtschaft an der TU Dresden (1), selbst eine Zusammenfassung seines Buchs „Die Sache mit dem Wolf“ (2).
Der Satz ist vielleicht ein wenig lang geraten. Er trifft aber den Kern der Sache – mit dem Wolf.
Eventuell stolpert jemand über das Wort „ideologisieren“. Ein Wort vom Charakter eines Fangeisens. Gefährlich. Verletzend. Es ist nämlich so: Bestimmte Kreise versuchen neuerdings, die „Ideologie“ als linksversifft-irrational darzustellen. Dabei ist die Ideologie (ebenso wie die Kritik und der Kompromiss) an sich „neutral“. Es ist einfach eine Weltanschauung. Ja, es gab in der Geschichte furchtbare Entgleisungen, links und rechts. Der Stalinismus und der Hitlerfaschismus sind berüchtigte Beispiele dafür.
Hingegen definieren die „bestimmten Kreise“ das „Linke“ als Ideologie, ihre eigene Haltung jedoch als „Werte“.
Dieser Exkurs ist leider notwendig. Denn die „bestimmten Kreise“ beginnen damit, auch Ökologie und Klimaschutz als linksversifft-irrationale „Ideologie“ zu diskreditieren. So wie die Fans des Gropaz (großartigsten Präsidenten aller Zeiten) zur Hatz auf DEI (3) geblasen haben und nun Klimaschutz für überflüssig halten. Die Gefahr ist, dass ebenjene und mit ihnen die bestimmten Kreise hierzulande damit beginnen, die Demokratie als „links“ zu konnotieren. Und willens sind, die freiheitlich-demokratische Grundordnung zum Abschuss frei zu geben.
Zu diesem Exkurs passend ist das Detail, wonach Sven Herzog die „Wolfsgegner“ eher in einer ländlich-konservativen Umgebung verortet. Die „Wolfsfreunde“ hingegen in einer städtisch-progressiven Umgebung. Um die Verwirrung weiter zu erhöhen, habe ich den Titel „Wolf? Nein danke!“ gewählt, der eigentlich aus dem links-progressiv-urbanen Milieu stammt. Nun scheint ihn die rechts-konservativ-ländliche Seite zu lieben.
Ja also, mein Fazit: Wolf? Nein danke!
Wer dieses Buch über den Wolf aufmerksam gelesen hat, sollte zu einem Fazit, also eigenem Urteil, befähigt sein. Oder zumindest mitreden können. Wenn das der Anspruch des Autors war, ist er gelungen. Sogar sehr gut gelungen!
Tatsächlich beeindruckt mich dieses Buch viel, viel mehr als der Vorgänger „Die Sache mit dem Wald“ (4). Vielleicht brennt Herzog eher für Wild als für Wald.
Jedenfalls beginnt seine spannende Mensch-Wolf-Story damit, wie der Mensch den Wolf zum Haustier namens „Hund“ gemacht hat. Ähnliche Sozialstrukturen verbinden uns mit diesem Tier. Dennoch haben wir es die meiste Zeit gehasst, weil es unsere Lebensgrundlagen (andere Haustiere wie Schaf, Ziege, Rind) und, wenn es ganz dumm läuft auch uns angreift.
Sven Herzog erläutert, wie die Geschichten vom „bösen Wolf“ entstehen konnten, wie es zum Glauben an die Lykanthropie kommen konnte, also die Verwandlung vom Menschen zum Werwolf, wie gefährlich der Wolf für den Menschen wirklich ist (praktisch gar nicht – Herzog schreibt, es sei gefährlicher, auf eine Leiter zu steigen), wie die Art verschwand und wieder zurückkam. Kurz, alles Wichtige über den Wolf, spannend erzählt und die Argumente „für“ den Wolf und „gegen“ den Wolf sorgsam gegenüber gestellt.
Nun mag es dem Autor nicht gefallen, aber so bin ich eben, nachdem ich das Buch aufmerksam gelesen habe, zu meinem Wolf-nein-danke-Urteil gekommen. Die Argumente liefert alle Sven Herzog selbst, ein Verdienst, wenngleich vermutlich jeder Leser individuell gewichtet, bewertet und schlussfolgert.
Gegen den Wolf spricht (m. E.):
- Dass er Weidewirtschaft erschwert, wenn nicht sogar unmöglich macht. Und ausgerechnet der ökologische Wert der Weidewirtschaft kommt bei Herzog zu kurz (5)
- Die Zahl der Risse von „Nutztieren“: von quasi null (2006/2007) zu fast 6000 (2023/2024) – desweiteren Tierleid, Menschenleid, Kosten des Schutzes vor Wolfsangriffen (Zäune, Hunde etc.).
- Enorme Bürokratie und Bürokratiekosten für das sogenannte Wolfsmanagement und -monitoring.
- 2026 ist nicht 1904. 1904 lief der letzte Wolf vor eine Flinte und gilt seither als in Deutschland als ausgerottet. Hallo – das Land hat sich verändert in den vergangenen 122 Jahren. Und wir sind gut ohne Wölfe ausgekommen.
- Der Wolf ist weit, weit davon entfernt, eine gefährdete Art zu sein. Lasst sie leben! Östlich des Ural, wo drei Menschen einen Quadratkilometer bewohnen und nicht dreihundert, wie in Baden-Württemberg.
- Die Aufmerksamkeit im Artenschutz ist völlig ungleich verteilt. Es entsteht der Eindruck, als ob der Wolf unendlich viel höher stünde als andere unspektakuläre Arten, die still und leise verschwinden. Ein bisschen mehr Management hätte zum Beispiel auch der Gemeine Gelbling vertragen, nur einer der Schmetterlinge, der in Deutschland als ausgestorben gilt (6).
Sven Herzogs Buch ist also eine Aufklärung im besten Sinne. Nur des Titels wegen wäre ich fast eingeschlafen (wie beim vorigen Mal) und vom Hochsitz gefallen. Viel reißerischer und echt cachy wäre hingegen der Untertitel: „Zwischen Bestie und Kuscheltier – ist ein Miteinander möglich?“ Volltreffer!
Der Verlag hat Waldfreund.in das Rezensionsexemplar kostenlos zur Verfügung gestellt.
Alle Buchtipps von Waldfreund.in.
(1) https://tu-dresden.de/bu/umwelt/forst/wb/wildoekologie/die-professur/inhaber-in
(2) SVEN HERZOG, „Die Sache mit dem Wolf“, Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG, Stuttgart 2025, 245 Seiten, 28 Euro
(3) DEI: Diversity, Equity, Inclusion (dt. etwa Vielfalt, Gleichstellung, Zugehörigkeit)
(4) siehe Rezension bei Waldfreund.in hier
(5) empfehlenswert ist eine Suchmaschinenabfrage, gerne mit KI, zu: „ökologischer Wert der Weidewirtschaft“
(6) Eine ergreifende Reportage darüber (Titel „Einer fehlt“) erschien in der ZEIT vom 16. September 2021.
