Verantwortung für den Wald

Verantwortung für den Wald

22. November 2023 Aus Von waldreporter

BUCHTIPP – Sven Herzog lädt zum kritischen Blick auf Wald, Forstwirtschaft und Forstwissenschaft ein – Verantwortung tragen alle.

Rottenburg am Neckar, 22. November 2023. Es ist eines der Bücher, dessen Untertitel („Neue Perspektiven und Konzepte für unser Ökosystem“) viel spannender ist, als der etwas laue Titel („Die Sache mit dem Wald“). Und gemessen an der Zahl der Notizen und Randbemerkungen, die sich der Rezensent gemacht hat, es ein interessantes Buch.

Sven Herzog, Professor für Wildökologie und Jagdwirtschaft, unternimmt einen Streifzug durch die deutsche Waldgeschichte. Er geht auf den „Mythos Wald“ ein, zeigt die Bedeutung der Wälder als Ökosysteme, erläutert „die Sache mit der Nachhaltigkeit“, beschreibt die Unterschiede zwischen Urwald, Naturwald und Wirtschaftswald, und diagnostiziert Waldschäden früher und heute. Waldleute, Förster und Forstwissenschaftler, wissen das alles – aber für den forstlich interessierten Laien ist das Buch auf jeden Fall ein Gewinn.

Nachhaltigkeit als Errungenschaft

Ein schöner Gedanke ist, dass die nachhaltige Bewirtschaftung der Wälder eine der wichtigsten Errungenschaften der Neuzeit ist. „Nachhaltige Forstwirtschaft“ stehe in einer Reihe mit der Entwicklung der Eisenbahn und der Digitalisierung.

Die Frage „Brauchen wir eine Waldwende?“ ist gleichzeitig die Überschrift zu dem entscheidenden Kapitel. Die Leserin und der Leser hätten die Frage wahrscheinlich gerne beantwortet, doch Sven Herzog will sich nicht festlegen. Schon klar – nicht immer ist ein eindeutiges „Ja“ oder ein eindeutiges „Nein“ möglich. Aber ein wenig könnte er sich schon festlegen, ohne gleich in den Verdacht zu geraten, ein „Dogmatiker“ zu sein.

„Naturnahe Waldwirtschaft“ ist ausdefiniert

Wenn er meint „Waldwende – ja“ und zwar in Richtung „naturnaher Wald“, hätte er vielleicht dem einen oder anderen Leser etwas Orientierung gegeben. Aber so zu tun, als ob das Konzept „naturnaher Wald“ noch gar nicht ausgegoren sei, ist nicht seriös: Die „naturnahe Waldwirtschaft“, schreibt Herzog, sei ein weiter Begriff, der in mancherlei Hinsicht noch mit Leben gefüllt werden müsse.
Das stimmt nicht. Die Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft (ANW) hat das Konzept genau definiert, deren Mitglieder wenden es seit Jahrzehnten an. Ähnliches lässt sich über die Naturwald Akademie sagen.

Ein gutes Buch hält immer ein paar Überraschungen für die Lesenden bereit. Da ist Herzog dabei. Beispiel Totholz. Totholz, das sind abgestorbene Bäume oder Äste, gilt ebenso als dauerhafter CO2-Speicher wie langfristig genutztes Holz im Holzbau, einfach weil der Zerfallsprozess, bei dem CO2 entsteht, so unendlich lange dauert. Beispiel Streuobstwiesen. Der Autor definiert sie als „Agroforstsystem“. Lasst uns doch, wenn das Mostobst kaum noch gefragt ist, Vogelkirschen und Nussbäume pflanzen! Beispiel Forstverwaltungen. Haben sie eine Teilschuld an den aktuellen Waldschäden?

Also jetzt mal langsam, Herr Herzog. Ja, wir wissen, dass wir zu viele Fichten am falschen Platz haben. Aber zu behaupten, die zentrale Aufgabe der Forstwirtschaft sei es, „dafür Sorge zu tragen, dass unsere Wälder auch noch in 100, 500 oder 1000 Jahren existieren“, grenzt schon an Hybris? Wer weiß schon was in 100 Jahren sein wird? Und darf man nicht unterstellen, dass auch vor 100 Jahren erfahrene Förster und Waldbesitzer in gutem Glauben Fichten pflanzten?

Medien- und Försterschelte

Ebenso wenig wie die „Försterschelte“ kommt vielleicht die „Medienschelte“ gut an. Sven Herzog schreibt auf Seite 302: „In unserer Gesellschaft dominieren Medien…das öffentliche Leben und die öffentlichen Auseinandersetzungen, ohne demokratisch legitimiert zu sein“.
Wie sollen denn, bitte schön, Medien demokratisch legitimiert sein?
Und was heißt das jetzt?
Schweigen im Walde?
Schweigen zum Walde?
Und sind eigentlich Lehrstühle an Hochschulen demokratisch legitimiert?

Herzog weiter: „Um so wichtiger ist es, dass auch diese Institutionen damit beginnen, Verantwortung zu übernehmen und tragfähige Lösungen zu erarbeiten“.

Es ist nicht ganz klar, wie Zeitungen, Magazine oder Onlinemedien wie Waldfreund.in tragfähige Lösungen für den Wald der Zukunft erarbeiten sollen – aber wenn schon, dann dürften es ruhig mehr „naturnahe“ Wälder sein. Vielleicht können wir uns ja darauf verständigen.

 

SVEN HERZOG / Die Sache mit dem Wald – neue Perspektiven und Konzepte für unser Ökosystem, Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. KG, Stuttgart 2023, 350 Seiten

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Der Verlag hat Waldfreund.in das Rezensionsexemplar kostenlos zur Verfügung gestellt.