6000 Kilometer zu Fuß durch den deutschen Wald

6000 Kilometer zu Fuß durch den deutschen Wald

4. Januar 2023 Aus Von waldreporter

BUCHTIPP: Der Förster Gerald Klamer über seine Mega-Wander-Tour und die Klimakrise.


Hier, genau an dieser Hütte, hätte ich Gerald Klamer treffen können.

Hütte, hätte, hätte, Fahrradkette: Auf meiner Fahrradstrecke zum Bodensee liegt am Rande einer Hochebene nahe des Ortes Dürbheim im Landkreis Tuttlingen diese kleine, offene Schutzhütte. Wegen eines heftigen Gewitters im Sommer 2021 ist sie mir in bester Erinnerung.

Aber ich war überrascht, ein Bild von dieser Hütte im Buch „Der Waldwanderer“ zu entdecken. Der Förster Gerald Klamer berichtet in diesem Buch von seiner Reise – knapp 6000 Kilometer zu Fuß durch Deutschlands Wälder. Klamer hat diese Reise von Februar bis November 2021 unternommen. Es muss im April oder Mai gewesen sein, als er auf seinem 614 Kilometer langen Abschnitt durch Baden-Württemberg in der Hütte übernachtete. Tja, der Ort passte, die Zeit nicht.

Übernachtet? Ja, der Förster übernachtete auf seiner Reise meist im Wald. Nicht im Zelt, was ohnehin meist verboten ist, sondern unter freiem Himmel, nur mit einem sogenannten „Tarp“. Ehrlich gesagt, nötigt mir das fast mehr Respekt ab, als die 6000 Kilometer zu Fuß. Die sind schon auch eine grandiose Leistung – aber draußen schlafen, in einem Alter, in dem viele von uns ohne a) ein Bett, b) eine Dusche, c) eine warme Suppe, d) ein Bier und e) ein Frühstück keine zwei Tage überleben.

Das führt zur Frage: Warum tut sich Gerald Klamer (Jahrgang 1967) das an?

Nun, aus dem gleichen Grund, aus dem sich andere festkleben. Es ist eine Art Demonstration, ein Protestmarsch, um auf den Zustand der Wälder aufmerksam zu machen. Und was ihnen droht, wenn wir Mensch so weiter machen. Wobei es eigentlich uns droht, die Natur, der Wald werden schon durchkommen.

Und so wandert er von Marburg aus nach Süden, Sauerland, Siebengebirge, Eifel, Hunsrück, Pfälzerwald, Schwarzwald, Alb, Allgäu – und wieder nach Norden, Bayerischer Wald, Steigerwald, Thüringer Wald, Hainich, Erzgebirge, Spreewald, Müritz, Rügen – und wieder nach Süden, Harz, Kellerwald bis Marburg. Die Liste der hier aufgezählten Waldgebiete ist nicht vollständig. Und es gibt zahlreiche Waldgebiete und Wäldchen, die außerhalb der jeweiligen Region keiner kennt, die aber viel Charme, Erholungswert und ökologischen Reichtum bieten.

Das eine oder andere könnte man sich ansehen. Klamers Buch ist unter anderem ein Reiseführer. Der Forststeig Elbsandstein wäre beispielsweise eine Reise wert oder die Heiligen Hallen in Mecklenburg, der älteste Buchenwald Deutschlands. Einer von vielen guten Tipps: Baden im Schmalen Luzin bei Carwitz.

Darüber hinaus ist die Zielgruppe der Leserinnen und Leser etwas diffus. Seine Mitförster will er auf jeden Fall erreichen, oft trifft er sich mit ihnen und lässt sich deren Arbeit erklären. Wobei oft Fachbegriffe wie „Schirmschlagverfahren“ fallen, die man sich als Nichtförster nur kurze Zeit merken muss. Manchmal sieht er schöne Wälder, die zukunftsfähig sind, manchmal durchwandert er Katastrophengebiete. Oft tut er sich mit anderen Mitwandernden zusammen, Aktivistinnen und Aktivisten, Familie, Freunde – meistens ist er aber alleine.

Bewusst alleine. Man hat den Eindruck, dass Gerald Klamer streckenweise die Einsamkeit sucht. Verständlich. Wandern (und Radfahren) in der Gruppe hat was, alleine Wandern (und Radfahren) aber auch. Stille, das Schauen und Beobachten, Kontemplation, geht am besten in der Einzahl.

Und es scheint, Gott sei Dank, dass man im deutschen Wald die Stille noch findet. Denn, wenn nicht hier, wo dann? Über den Pfälzerwald schreibt er: „Stundenlang kann man hier durch einsame Wälder streifen und trifft kaum einmal auf eine Straße oder eine Siedlung.“ Oder über den Stadtwald Baden-Baden: „In den beeindruckenden Mischwäldern mit riesigen Tannen, aber auch vielen Buchen erfahren wir so richtig Waldeinsamkeit, die selbst im dicht besiedelten Deutschland noch zu finden ist. Es ist eben ein ganz anderes Gefühl, wenn man sich durch einen Wald bewegt, in dem keine Zivilisationsgeräusche an das Ohr gelangen und nirgendwo Zeichen unseres modernen, hektischen Lebens zu sehen sind.“

Das spricht mir aus der Seele, wobei Klamer in diesem Zitat ein wichtiges Stichwort gibt: Mischwald. Seine Message ist: Mischwald. Bisher sei die Erzeugung des Rohstoffes Holz sehr stark im Fokus gestanden, „reine Rohstofferzeugung“ sei das Maß aller Dinge gewesen. Jetzt komme es darauf an, einen möglichst gesunden, widerstandsfähigen Wald aufzubauen. „Die von uns angestrebten Mischwälder haben eine größere Erholungswirkung, sind ein sicherer Speicher für Kohlendioxid, verbessern den Boden, erhalten den Nährstoffkreislauf, fördern die Biodiversität, speichern viel Wasser und erzeugen eine hohe Trinkwasserqualität.“

Außerdem Teil der Message: den Waldboden schonen, den Einschlag auf die Hälfte des nachwachsenden Holzes reduzieren und „Natur Natur sein lassen“. Also das Motto der Nationalparke auf möglichst viele Waldgebiete auszudehnen.

Interessant: Dieses Ausprobieren von fremden Baumarten, die angeblich besser mit dem Klimawandel zurechtkommen, lehnt Klamer ab. „Unsere Waldbäume verfügen grundsätzlich über gute genetische Voraussetzungen zur Anpassung an ein neues Klima“, zitiert Klamer Erwin Hussendörfer, Professor für Waldbau und Ökologische Genetik an der Hochschule Weihenstephan, mit dem er sich auf seinem Weg verabredet hat.

Nun ist es allerding so, dass die die wenigsten von uns jemals eine Douglasie oder eine Küstentanne pflanzen werden. Vielleicht ein Apfelbäumchen. Der Umbau des Waldes ist in erster Linie Sache der Natur – so Klamer – und in zweiter Linie Sache der Försterinnen und Förster, Waldbesitzenden, Forstverwaltungen – und der Politik. Daher ist die Unterzeile des Buchs „6000 Kilometer durch Deutschland – was wir jetzt für unsere Wälder tun können“ ein wenig irreführend: „wir“ können fast gar nichts tun.

Wahrscheinlich ist die Formulierung „was wir … tun können“ und auch der Quatsch auf der Buchrücksite „… was wir alle durch unseren Lebensstil zur Erhaltung des Waldes beitragen können“ auf dem Mist des Verlages gewachsen. Es gibt eine offenbar ältere Version des Buchtitels (hier), wo die Unterzeile heißt: „6000 Kilometer durch Deutschland auf den Spuren des Klimawandels“.

Es ist Sache der Politik, im Kampf gegen die Klimakrise voran zu gehen. Auch Klamer sieht das so: „Dazu sind persönliche Verhaltensänderungen wichtig, entscheidender wird aber sein, dass sich die Politik ändert, und das wird nur passieren, wenn eine große Zahl von Menschen entschieden protestiert“.

Genau das ist Gerald Klamers Buch „Der Waldwanderer“ – ein Protest gegen die Trägheit der Politik.

 

 

Gerald Klamer, Der Waldwanderer, Piper Verlag GmbH, München, 2022, ca. 270 Seiten, 18 Euro

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